ALTVERTRAUTES NEU ENTDECKEN – REISE INS INNERE EINES BILDES

5:45. Fünf, vier, fünf. Viertel vor sechs. Ganz schön früh weckt mich der letzte Morgen des alten Jahres, aber mir macht das Aufstehen nichts aus. Leise schlüpfe ich aus dem Bett, suche im blassen Schimmer der Straßenlaterne nach meiner warmen Strickjacke und taste mich im Dunkeln die Treppe hinunter in die Küche. Hier knipse ich erstmal nur die Herrnhuter Leuchtsterne im Fenster an und setze die Espressokanne auf den Herd. Während der Kaffee brodelt, räume ich das abgewaschene Geschirr von gestern Abend ins Regal. Reine Routine. Alles hat seinen Platz, in der Küche und irgendwie ja auch im Leben. Gut so?

Ich lehne mich an den Küchentresen und lasse meinen Blick durch die Durchreiche schweifen, jene in den 60er Jahren so beliebte Öffnung der Wand zwischen Küche und Esszimmer, durch die die Hausfrau effizient Geschirr und Speisen hin- und herschieben konnte. Bei uns ist diese Durchreiche in später erweitert worden, so dass sie neben dem Essen auch Blicke und sogar Gespräche durchlässt. Zufrieden schaue ich auf das Ergebnis meines Umbaus, mit dem ich kürzlich das Esszimmer in ein Wohnzimmer verwandelt habe. Das Einzige, was seinen Platz behalten hat, ist das Bild an der Wand neben dem Fenster, die Darstellung einer Backstube. Dieses Bild an diesem Platz ist mir so vertraut wie der Blick aus dem Fenster daneben. Es ist einfach da in seiner stillen Einfachheit, den harmonischen Farben und Formen, der ganzen Wärme, die eine Backstube ausstrahlt, erst recht für eine leidenschaftliche Hobbybäckerin wie mich. Ich frage nicht jeden Tag nach seiner Botschaft, sondern genieße einfach seine Anwesenheit. Aber heute ist irgendetwas anders mit und an diesem Bild. Vielleicht liegt es an der veränderten Einrichtung, dass ich es aus einem anderen Blickwinkel wahrnehme. Jedenfalls fällt mir zum ersten Mal auf, dass der Stuhl im Vordergrund ein auffälliges Eigenleben führt.

Heike Preier: “pain du vache” Öl auf Leinwand, 100 × 79 cm, Dezember 2025 © Albrecht

In diesem Moment macht sich mit lautem Gurgeln der Espresso bemerkbar. Rasch ziehe ich die Kanne vom Herd, schlage die Milch auf und lasse beides in meinen Lieblingsbecher fließen. Mein Drang, dem Geheimnis des Stuhls auf die Spur zu kommen, ist plötzlich mindestens so groß wie die Vorfreude auf den Milchkaffee. Wie gut, dass direkt vor dem Bild nun unser Sofa steht und nicht mehr bloß ein harter Esszimmerstuhl.

Heike Preier: “pain du vache” Öl auf Leinwand, 100 × 79 cm, Dezember 2025 © Anna Albrecht

Ziemlich schnell dämmert mir, dass der leere Stuhl, der an der Vorderkante des Bildes steht und fast aus dem Bild zu kippen droht, wie der Cliffhanger einer Geschichte funktioniert. Er drängt den Betrachter dazu, sich mit dem Bild zu beschäftigen, sich die Geschichte dahinter zu “erlesen”. Eine starke Geste und gleichzeitig auch ein wichtiger gestalterischer Schachzug, denn ohne den Stuhl stünde die Geschichte im Bild still. Aber davon später mehr, fangen wir von vorn an.

Heike Preier: “pain du vache” Öl auf Leinwand, 100 × 79 cm, Detail, Dezember 2025 © Albrecht

Gemalt hat diese Backstube, die den Titel „pain du vache“ trägt, die Künstlerin Heike Preier. Tatsächlich gibt es zu dieser Backstube sogar ein konkretes Vorbild, man muss es in der Provence suchen, im Süden Frankreichs. Aber die Malerin, die gleichzeitig auch Archäologin und Pädagogin ist, stammt aus dem Schwarzwald. Sie ist in Stegen bei Freiburg aufgewachsen und lebt heute, nach verschiedenen Stationen im süd- und ostdeutschen Raum, in der Welterbestadt Bamberg an der Regnitz. Dass sie Kollegin und vor allem Freundin ist, will ich hier nicht verschweigen, denn letzteres ist wohl der Grund, weshalb ich ihr Bild nie analytisch betrachtet habe, sondern mit dem schwärmerischen Blick der Freundin. Ansonsten wäre mir doch die Schlüsselrolle dieses Stuhls im Bild längst aufgefallen, oder?

Zurück zum Bild: Der Stuhl stellt die Verbindung zwischen Betrachter und Bild her, gibt aber nicht die Blickrichtung vor, wir nehmen nicht auf seinem sonnenwarmen Sitz Platz. Stattdessen blicken wir von oben auf diese Backstube, die wie ein Raum auf einer Bühne entworfen ist: Am linken Bildrand steigt eine Wand auf, deren Öffnung andeutet, dass dahinter weitere Räume liegen. Rückwärtig liegt eine Wand, in der das Herz der Stube pocht - der Backofen. Rechts davon folgt eine dritte Wand, mit ihr schließt sich der Raum, der sich nur zum Publikum, zum Betrachter hin öffnet und das mit viel Tiefe! Sie entsteht durch die in die Stube ragenden Theken links und rechts sowie dem parallel dazu verlaufenden Gestänge an der Decke. Es handelt sich um ein Raumkonzept, das auf den ersten Blick einfach erscheint, es aber ganz schön in sich hat, denn es gibt kaum eine gerade Linie in diesem Bild, der Raum kippt und fängt sich wieder, erzeugt durch das Schwanken eine fast unerträgliche Spannung, die nur durch die Leere in der Mitte ausbalanciert wird. Alles andere hätte das Bild zu Fall gebracht.

Heike Preier: “pain du vache” Öl auf Leinwand, 100 × 79 cm, Detail, Dezember 2025 © Albrecht

Auch die Leserichtung des Bildes trägt zu diesem Konzept beim, bei dem die leere Mitte zum Höhepunkt wird: sie entwickelt sich nicht etwa aus der Bildmitte heraus oder von vorn nach hinten, sondern im Uhrzeigersinn um die Mitte herum: Hat der Stuhl unseren Blick erstmal gefangen, gleitet er hinüber zu der schmalen Theke, die aus der Rückwand ragt. Auf ihr liegen die rohen Teiglinge, die nach der Teigruhe in den Ofen wandern. Der wartet direkt dahinter und ist in vollem Gange – sein Innerstes glüht rot, sein Äußeres glänzt schwarz. Die fertig gebackenen Baguettes, die auf der Theke an der rechten Bildseite liegen, schließen diesen Kreis.

Heike Preier: “pain du vache” Öl auf Leinwand, 100 × 79 cm, Detail, Dezember 2025 © Albrecht

Was für eine Geschichte erzählt uns dieses Bild mit seiner leeren Mitte, auf die sich alles zu konzentrieren scheint. Viel Hilfestellung bekommen wir von der Künstlerin nicht. Wo sind die erzählerischen Details, die Säcke mit dem Mehl, die Schaufeln, die Schüsseln, die Formen und Rollen, Paletten und Spatel, die klassischen Utensilien des Bäckerhandwerks? Und wo steckt eigentlich die Hauptperson, der Bäcker, die Bäckerin? Wird in dieser Backstube auch verkauft? Gibt es nur Baguettes oder auch Tartelettes? Die Antworten auf diese Fragen findet man in diesem Bild nur indirekt. Und wieder scheint mir der Stuhl der Schlüssel zum Geheimnis zu sein. Er ist nicht nur Blickfang, sondern auch der einzige Geselle im stillen Bild, der sich an uns wendet, Fragen stellt: Wer hat auf mir gegessen? Wer ist fortgegangen? Und wer wird wiederkommen?

Heike Preier: “pain du vache” Öl auf Leinwand, 100 × 79 cm, Detail, Dezember 2025 © Albrecht

Natürlich liegt es nahe zu vermuten, dass auf dem Stuhl eben noch der Bäcker, die Bäckerin saß. Dass er oder sie nur kurz den Raum verlassen hat, um gleich wieder die Arbeit aufzunehmen. Tatsächlich spricht aber einiges gegen so eine spontane Erzählung. Denn Kneten, Falten, Dehnen und Rundwirken sind Arbeiten, die im Stehen passieren. Nichts im Bild deutet auf diese Tätigkeit hin. Keine Spuren von Mehl finden sich auf oder unter dem Tisch, keine hingeworfene Schürze oder dergleichen lässt diesen Schluss zu. In dieser Backstube gibt es keinen Platz für eine Bäckerin. Denn auch die Art und Weise, wie der Stuhl im Bild platziert ist, hat nichts Erzählerisches an sich. Nichts an seiner Stellung deutet auf ein hastiges Wegschieben, Zurechtrücken hin. Vielmehr wirkt der Stuhl wie zur Schau gestellt. Für etwas, das wir nicht sehen können, weil es außerhalb des Bildgeschehens liegt. Ich gehe jede Wette ein, dass dieser Stuhl gar nicht in die Backstube gehört, sondern eine Erfindung der Malerin ist, einer ihrer Taschenspielertricks, um uns, das Publikum, bei Laune zu halten so wie bei jedem guten Theaterstück, oder? Denn was sonst könnte die Aufgabe des Stuhls sein? Ich krame in meinem Gedächtnis und erinnere mich, dass es in der Geschichte der Malerei eine Tradition gibt, nach der der leere Stuhl als Symbol des Verlustes oder Vermissens eines geliebten Menschen gilt. Spätestens mit Vincent van Gogh hat dieses Sinnbild Karriere gemacht.

Vincent van Gogh: Stuhl mit Pfeife © Öl auf Leinwand, 91 × 73 cm, 1888, London, National Gallery https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/96/Vincent_Willem_van_Gogh_138.jpg

Aber irgendwie erscheint mir auch diese Erklärung für das Bild der Backstube nicht stimmig. Denn trotz der vielen Diagonalen, der Dominanz eckiger Formen und starker Linien, der ambivalenten Perspektive, der Leere in der Mitte und der Leere des Stuhls, wirkt das Bild weder beengend noch trist. Ganz im Gegenteil, es strahlt Harmonie und Wärme aus. Alles hat seinen Platz, nichts ist zuviel oder zu wenig, zu eng oder zu weit, auch wenn die Mitte des Bildes leer ausgeht. Aber wer oder was ist dann der Held, die Heldin in diesem Bild? Der Stuhl ist es nicht, er ist Lockvogel und Publikumsjoker. Weder Bäckerin noch Bäcker sind es, sie haben in diesem Bild nie einen Platz gehabt.

Wir haben gesehen, dass das Bild auf die Mitte hin konzipiert ist und was finden wir dort? Keine Heldenfigur, sondern jene Leere, die durch die Abwesenheit der Dinge entsteht und hier mit Farbe sichtbar wird. Sie, die Farbe, ist es, die die Mitte des Bildes mit Kraft und Leben füllt. Sie macht den Raum der Backstube mit allen Möglichkeiten der Farbe sinnlich erfahrbar. Man spürt die Hitze in dem Rot, das aus der Mitte des Ofens in die Mitte des Bildes läuft, sich dort in allen Farben von Orange über Rosa und Violett breit macht, in lockeren Strichen und dünnen Schichten. Die Farbe bringt die Leinwand zum Vibrieren. Komplementär zum Violett glänzt das Goldgelb der Sitzfläche des Stuhls und des gekachelten Unterbaus im Hintergrund, bringt die Wärme im Bild nochmal mehr zum Strahlen. Aber bevor die Stube überhitzt, wird sie gebändigt durch das helle Blau und blasse Grün der umgebenden Wände. Und spiegelt sich im Hellblau der Rückwand nicht sogar das Himmelblau des Südens? Auf jeden Fall kühlt sich dort die Hitze ab, das Blau lässt die Hitze an der rußgeschwärzten Wand wie durch einen Schornstein entweichen und schon ist die Harmonie im Bild wieder hergestellt. Perfekt!

So rhythmisch, wie die Farben im Bild verteilt sind, ihre Töne ineinanderfließen, sich verdichten, wieder auflösen und an unerwarteten Stellen wieder zusammenkommen, erinnert das Farbspiel an eine Sinfonie, die aus Vielheit Einheit werden lässt. So erwärmen die Farbklänge der Backstube unseren kleinen Wohnraum auf ganz wunderbare Weise!

Heike Preier: “pain du vache” Öl auf Leinwand, 100 × 79 cm, Detail, Dezember 2025 © Albrecht

Dass Heike eine Farbenspielerin ist, war mir von der ersten Begegnung an bewusst, nicht umsonst bin ich sofort dem Charme ihrer Bilder erlegen. Dass sie aber auch eine mit allen Wassern gewaschene Geschichtenerzählerin ist, das habe ich jetzt erst so richtig verstanden.

Seufzend nehme ich meinen leeren Kaffeebecher und stelle ihn in der Durchreiche ab, dann trete ich ans Fenster. Was das Jahr 2026 wohl bringen wird? Am Horizont zeichnen sich die Farben des Morgens ab: Orange, Gelb, Winterblau – derselbe Farbklang wie in unserem Bild, alles hat wieder seinen Platz, oder? Zeit für einen neuen Tag, Zeit für ein neues Jahr, Zeit für einen neuen Blick auf vertraute Menschen und Dinge. Und manchmal braucht es dazu nur ein bisschen Möbelrücken.

Dezember 2025 © Albrecht

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