AUF DER SUCHE NACH EINER VERLORENEN ZEIT ODER: IN EGGOLSHEIM WIRD WIEDER “GELINDNERT”

Eggolsheim, Am Bahnhof © Anna Albrecht

Als die automatischen Türen des Vorortzugs aufspringen, schlägt mir die Hitze entgegen: Donnerstag, 25. Juni, 30 Grad im Schatten. Und der Tag hat eben erst begonnen. Außer mir steigt niemand aus. Der Bahnsteig liegt schläfrig in der prallen Sonne vor mir, kein Laut ist zu hören, nicht mal ein Vogelzwitschern, und selbst die Luft scheint den Atem anzuhalten. Ich setze meine Sonnenbrille auf, den Fuß auf den Bahnsteig und folge dem Pfeil. Da kommen sie plötzlich, die Bilder: Eine staubige Hauptstraße, flirrende Hitze und die dunkle Ahnung, dass die Stunde der Wahrheit unmittelbar bevorsteht. Schon lösen sich drei Gestalten aus dem Schatten der Mauer, kommen direkt auf mich zu. Ich straffe die Schultern, beschleunige meinen Schritt, da fällt mein Blick auf das Schild: Eggolsheim! Leise lache ich in mich hinein: die Uhr schlägt nicht 12 Uhr mittags wie in dem Westernklassiker, sondern erst 8.30 Uhr. Und ich bin weder eine einsame Heldin noch im Wilden Westen ausgestiegen, sondern in Eggolsheim. Die kleine Ortschaft an der Bahnstrecke zwischen Forchheim und Bamberg liegt im idyllischen Regnitztal und schaut auf eine große Vergangenheit zurück. Genau diese hat im Laufe des letzten Jahres eine besondere Rolle in meinem Leben gespielt. Deshalb schlägt hier heute in gewisser Weise auch die Stunde der Wahrheit, denn ich bin auf dem Weg zur Fachoberschule Fränkische Schweiz Arche Teach and Work, um bei den Vorbereitungen einer Ausstellung mit zu helfen , die an den Tag bringen wird, was die Schülerinnen und Schüler der G11 und G12 aus unserem Denkmaljahr zum Thema Spurensuche Lindner – altes Industriedenkmal im modernen Schulalltag mitgenommen haben.

Ausstellungsplakat 2026, Gestaltung: Heike Preier © Anna Albrecht

Als Kooperationspartnerin des Projekts hat sich meine Perspektive auf die ehemalige Fabrik auf jeden Fall sehr verändert. Das wird mir jedes Mal bewusst, sobald ich aus der Unterführung komme und die helle Fabrikfassade auftaucht: Schade, dass von der Patina eines alten Industriegebäudes nicht mehr viel zu sehen ist und dass an die große Geschichte kaum mehr erinnert als der Name der gegenüberliegenden Konditorei Wirth, Café Am Lindner.

Eggolsheim, Café Wirth Am Lindner 2026 © Anna Albrecht

Dieses Gefühl ändert sich, sobald ich in den angenehm kühlen Flur der Schule komme, wo ich direkt in die Besprechung platze, mit der Heike Preier, die an der Schule nicht nur Lehrerin für Gestaltung und Medien ist, sondern auch die Leiterin des Projekts, gerade die Aufgaben an Schülerinnen, Schüler und Kollegen verteilt. Es sind immerhin ein Flur und drei Räume, die für die Ausstellung Werkschau Spurensuche Lindner bespielt werden sollen. Dabei hängt die Latte ziemlich hoch, schließlich soll der Öffentlichkeit präsentiert werden, was die Schülerinnen und Schüler im Laufe des letzten Schuljahres im Dialog mit ihrem Denkmal gedacht, gelernt und geschaffen haben. Und ihre Werke sollen natürlich einen angemessenen Rahmen bekommen. Hier und da wird schon mächtig gestöhnt wegen der steigenden Hitze und dass ja noch so viel zu tun sei, aber dann packen doch alle mit an...

Eggolsheim, FOS, Werkstatt, Heike Preier bei der Einteilung der Arbeit © Anna Albrecht

Anders als die Lehrkräfte, die täglich in der Werkstatt ein- und ausgehen, weil sie die Klassen bei ihren Aufträgen angeleitet und betreut haben, staune ich zuerst einmal über die geballte Ladung an Werken, die auf ihre Ausstellung warten: Leuchten, Kostüme, Modelle, Videos, Drucke, Cyanotypien, Reliefs, Plakate und und und... alles ist im Kontext des Lindner-Projektes entstanden. Noch sieht es zwar sehr nach work in progress und kreativem Chaos aus, aber bei mir rufen die vielen schönen Dinge schon jetzt Erinnerungen und Begegnungen an das vergangene Schuljahr hervor:

Eggolsheim, FOS, Werkraum © Anna Albrecht

Gleich im Eingang kleben schon die riesigen Wandcollagen an den Wänden - gleich neben der alten Industriewaage. Sie sind das Ergebnis aus der Auftaktveranstaltung, mit der wir das von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz geförderte Projekt Anfang Oktober 2025 eingeläutet hatten.

Eggolsheim, FOS, Eingangsbereich mit der alten Waage 2026 © Anna Albrecht

Dabei überraschten wir die Schülerinnen und Schüler mit der Tatsache, dass ihr Schulgebäude früher eine Fabrik für Elektroporzellan gewesen ist, die Sicherungen und Leuchtensockel hergestellt hat. Als sie zudem erfuhren, dass diese Fabrik, also ihre Schule, unter Denkmalschutz steht, staunten sie nicht schlecht. Keiner von ihnen hat das auch nur geahnt! Gemeinsam überlegten wir also im Unterricht, warum nicht nur Kirchen und Schlösser Denkmale sind, sondern auch Bauten der Industrie- und Technikgeschichte, alte Gärten, Siedlungsfunde im Boden oder unter Wasser. In dem Zusammenhang diskutierten wir auch, was ein Denkmal eigentlich auszeichnet, wie es klassifiziert wird und was das alles mit einem selbst zu tun haben könnte. Wir sprachen darüber, wie Häuser, Räume und Straßen unseren Alltag prägen, wie sie Wohlbefinden oder Missbehagen auslösen und wie wir selbst Räume gestalten können, erst recht, wenn wir in diesem Fach unterwegs sind. Dass sich die Wahrnehmung im Laufe einer Zeit auch verändern kann, lässt sich nun am Schuljahresende zum Beispiel an den Wandcollagen ablesen. Damals streiften die Schülerinnen und Schüler mit offenen Augen und Ohren durch ihr Schulhaus und förderten allerhand Details und Beobachtungen zutage, die sie in ihrem gewöhnlichen Schulalltag nie zuvor wahrgenommen hatten. Vieles davon können sie heute erklären. Hat das ihr Lernen und Arbeiten in der Schule verändert?

Power Point Folie aus der Auftaktveranstaltung © Anna Albrecht

Wie tief die Spuren tatsächlich sein können, die ein Gebäude in einem Menschenleben, in einer Gemeinschaft hinterlassen kann, sollten wir erst sehr viel später und noch viel anschaulicher erfahren. Nun aber zurück zur Ausstellung!

Als ich in die Werkstatt komme, sehe ich Heike vor dem PC sitzen. Auf ihrem Bildschirm lacht mir gerade der andere Kooperationspartner Paul Bellendorf entgegen: der Bamberger Universitätsprofessor aus den Restaurierungswissenschaften ist dabei, den Hebel der Notfalldusche im Labor zu betätigen. Ich muss schmunzeln. Mit einer guten Portion Humor hatten er und seine Kollegin uns im Bamberger Labor des Kompetenzzentrums für Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien in die Gefahren der Laborarbeit und anschließend in ihre Geheimnisse denkmaltechnologischer Untersuchungsmethoden eingeführt: Wie ein Lichtmikroskop unter der Oberfläche liegende Farbschichten sichtbar macht. Wie man dem Alter eines Materials auf die Spur kommt. Wie man eine Mörtelprobe einbettet, schleift und analysiert. Dass ein zweites Team mit einer kompletten Ausrüstung extra zum Scannen nach Eggolsheim kam, um mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam das Schulgebäude einzuscannen, war ein zweites Highlight dieses Einsatzes: Denkmalpflege leicht gemacht, leidenschaftlich erklärt und das alles direkt aus der Werkstatt!

Eggolsheim, Scannen mit dem Team vom KDWT Bamberg, Oktober 2026, © Heike Preier

Hinter mir poltert es: Tischrücken ist angesagt, Stühle stapeln, Werkzeuge aus dem Weg räumen, Platz schaffen für die Präsentation der Werke. Die Stunden vergehen wie im Fluge und als ich nach einer Pause zurückkomme, ist sogar der Eingang zu den Werkstatträumen mit einem Vorhang verhängt: Schwarz und funkelnd wie in einer Zauberwerkstatt! Ich linse hindurch und staune…

Eggolsheim, Leuchtenausstellung im Werkraum © Heike Preier

Aus einem in meiner Abwesenheit komplett verdunkelten Raum strahlen mir Leuchten in allen Größen, Materialien, Farben und Formen entgegen. Die Werkstatt als magischer Ort? Was für ein genialer Einfall! Fast wie auf einem Messestand geht es hier jetzt zu. Die Leuchten könnten kaum besser zur Geltung kommen und noch dazu werden auf einer Tafel die einzelnen Schritte ihrer Entstehung erklärt - na klar, wir befinden uns ja auch in einer Schule!

Eggolsheim, FOS, Leuchtenausstellung im Werkraum © Anna Albrecht

Es sind genau diese Zeichnungen, die mich in die Tage zurückversetzen, die ich in der Stiftung Wagenfeld in Bremen verbracht habe – der Stiftung, die den Nachlass des berühmten Bauhausschülers Wilhelm Wagenfeld verwahrt. Warum ausgerechnet dort? Der Designer oder, wenn es nach Wagenfeld gegangen wäre, wohl besser der Gestalter, ist schließlich ein Bremer Kind! Ihr erinnert euch doch noch an die Verbindung zu Lindner?

Bremen, Stiftung Wagenfeld, Dezember 2025 © Anna Albrecht

Zur Auffrischung: Es war Wilhelm Wagenfeld, der den steifen Formen der alten Lindner Zweckleuchte mit den 50er Jahren ihr frisches Aussehen verlieh: praktisch, schön und organisch – typisch für die Zeit der Nachkriegsjahre. Aber wann war diese Kooperation zwischen Lindner und Wagenfeld zustande gekommen, wie sah die Zusammenarbeit aus und wie wurden die Leuchten oder besser, die Sockel zu den Leuchten, in Eggolsheim hergestellt? Alle diese Fragen waren im Laufe des letzten Schuljahrs aufgetaucht und hielten uns in Atem.

Wilhelm Wagenfeld war einer der gefragtesten deutschen Designer – und die Firma Lindner? Wir verfügen über eine große, sehr moderne Porzellanfabrik und sind die bedeutendste deutsche Spezialfabrik auf dem Gebiet des montierten Elektroporzellans. Unsere Beleuchtungen finden vorzugsweise in feuchten und nassen Räumen, beispielsweise Küchen, Kellern, Toiletten, Ställen, an Hauseingängen usw. Verwendung. Mit diesen Worten warb Kurt Lindner, der zusammen mit seinem Bruder Hans-Joachim Lindner, die Leitung der Fabrik von seinem Vater übernommen hatte, um die Mitarbeit Wilhelm Wagenfelds und zwar in einem Brief vom 9. Mai 1953, das war nach der Messe in Hannover.

Tatsächlich hat mir das Archiv auf meine Anfrage ebenso prompt wie positiv geantwortet: es gäbe Lindner-Leuchten, Lindner-Korrespondenz, Lindner-Kataloge und Wagenfeld-Zeichnungen. Ich kann gar nicht genug betonen, wie herzlich und aufgeschlossen ich ein paar Wochen später dort empfangen und mit allem versorgt wurde, was man sich als neugierige Besucherin nur wünschen kann: ein offener Austausch, viele Informationen, inhaltliche und kreative Anregungen. Sogar um mein leibliches Wohl kümmerte man sich: Tee und Kaffee aus Wagenfeld-Porzellan!

Bremen, Stiftung Wagenfeld Dezember 2026 © Anna Albrecht

Schließlich saß ich in dem sehr modern eingerichteten Besucherraum des Archivs, das ja gleichzeitig auch Museum ist, vor einem der typischen Rollwagen, auf dem Aktenordner und Kataloge warteten. Erstmal holte ich tief Luft. Dann nahm ich mir die Korrespondenzordner der Jahre 1953-1970 vor.

Und bald passierte es: je tiefer ich in den Briefwechsel der beiden Herren Lindner und Wagenfeld eindrang, desto mehr meinte ich, ihrem Denken auf die Spur zu kommen, ihren Ideen, Zielen und Träumen. Ich las aus ihren Zeilen mal eine Enttäuschung oder etwas Ungeduld, mal Stolz und Freude. So wurden aus den bloßen Namen Menschen aus Fleisch und Blut, die sich über dieses und jenes ärgerten und amüsierten, jubelten und jammerten. Ich begriff nach und nach, dass der Unternehmer Lindner eine Vision hatte: er wollte nicht nur die Zweckleuchte aus ihrer erstarrten Form befreien, sondern er wollte viel mehr: den Werkstoff Porzellan wieder attraktiv machen, so wie einst das Meißener Porzellan die Herzen der Menschen erreicht hatte. Und ich begriff, wie der Gestalter Wagenfeld, der stets um die gute Form rang, danach strebte, dem Zweck der alltäglichen Dinge auch einen (schönen) Sinn zu geben: Die Entwicklung der neuen Lindner-Leuchten wurden vor allem von dem Gedanken getragen, das Warme und Anschmiegsame des Werkstoffes Porzellan zur Geltung zu bringen, um formschöne Lichtträger von hoher technischer Vollkommenheit für den Haushalt zu schaffen.

Bremen, Stiftung Wagenfeld Dezember 2026 © Anna Albrecht

Mir fiel schnell auf, wie der anfänglich geschäftliche Tonfall zunehmend persönlicher, fast freundschaftlich wurde. Und wenn man sich in Eggolsheim, Bamberg oder Stuttgart besuchte, um neue Ideen, die meist im Spätsommer angestoßen wurden, zu besprechen oder technische Details zu klären, ließ man den Abend offenbar auch gern mal gemeinsam ausklingen. Aber sobald die Frühjahrsmesse in Hannover näher rückte, der Ort, an dem man alljährlich das neueste Leuchtenprogramm vorstellte, spürt man den wachsenden Druck auf beiden Seiten. Die Schlagzahl der Briefe wird kürzer, die Zeilen werden es auch: aus Eggolsheim wächst der Druck, in Stuttgart wird „gelindnert“. Dass diese über Jahre hinweg gut funktionierende Partnerschaft am Ende eine tragische Wendung nimmt (das alles liest sich fast wie ein Krimi), lasse ich an dieser Stelle mal beiseite. Aber dass die Kooperation Lindner - Wagenfeld Designgeschichte geschrieben hat, misst sich schon an der Tatsache, dass einige Leuchten zu echten Klassikern geworden sind und in den großen Museen der Welt vertreten: vom MoMA in New York bis zum Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld, jenem Ort, der mit den 50er Jahren zu einem Forum der Moderne wurde.

Krefeld, Kaiser Wilhelm Museum, Wagenfeldraum mit Lindnerleuchten links an der Wand und in der Vitrine, 2026 © Anna Albrecht

Eine der ersten Veränderungen, die ich gleich zu Beginn des Projektjahres verspürte, ist die plötzliche Gegenwart Wagenfelds – nicht nur im Beruflichen, sondern auch im Privaten: Mit seinen Äußerungen zum Thema Formgebung erwische ich mich nun dabei, wie ich auf einmal kritisch mein Geschirr und meine Küchenhelferchen beäuge, die Lampen, die unsere Zimmer erleuchten, mehr oder weniger nach praktischen Gesichtspunkten ausgewählt, aber sind sie auch schön? Erfreuen sie mich beim Hineingehen? Wagenfelds zeitlosen Gebrauchsdinge machen sich nicht nur in meinen Gedanken breit, sondern auch auf Fensterbank, Ess- und Schreibtisch, inspirieren mich im täglichen Sein und Tun, denn: brauchbar sein heißt auch schön sein, denn alles Brauchbare muss schön sein können, anders erfüllen die Dinge nicht ihren Sinn.

Wagenfeld, Tintenfass März 2026 © Anna Albrecht

Dass sich auch die Schülerinnen und Schüler dieser Herausforderung gestellt haben, zeigt die Leuchtenschau des ersten Raumes auf anschauliche Weise. Und gleich noch etwas haben sie von Wagenfeld gelernt: dass die Inszenierung der Dinge zu ihrer Attraktivität beiträgt: postkartenreif sind die Fotografien, die sie von ihren Leuchten angefertigt haben! Für Wagenfeld ging Produkt und Werbung stets Hand in Hand, und die Fotografie war von Anfang sein Medium, eine Erfahrung, die er aus der Bauhauszeit mitgenommen hatte.

Eggolsheim, Leuchte 3-D-Druck und Keramiksockel, Klasse G11a-2 2026 © Anna Albrecht

Übrigens, über die Werbefotografie lässt sich auch einiges aus der Korrespondenz zwischen Lindner und Wagenfeld erfahren: Wie man Fotografen fand und engagierte und sogar über ein Filmangebot diskutierte. Man erfährt, wie groß der Einfluss Wagenfelds auf die Texte in den Lindner-Katalogen war. Der Briefwechsel, der dann leider zunehmend durch Telefonate ersetzt worden ist, scheint es mir, liest sich wie eine Designgeschichte aus erster Hand und schon jetzt freue ich mich auf meinen nächsten Besuch in der Stiftung Wagenfeld im norddeutschen Bremen.

Es gibt noch Vieles, was ich an diesem Vorbereitungstag in Eggolsheim erinnere und erlebe. Natürlich läuft nicht alles perfekt, manches wird erst auf den letzten Drücker fertig und anderes wird improvisiert. Aber es ist vor allem ein Gedanke, den ich mit nach Hause nehme. Ein Projekt wie dieses befördert, mal ganz abgesehen von seinen Inhalten, das Selbstbewusstsein und die Selbstverantwortung der Schülerinnen und Schüler für ihre Arbeit. Und es lässt auch das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden auf Augenhöhe anwachsen, bringt Überraschendes auf beiden Seiten zutage und schafft eins, das heute wertvoller denn je zu sein scheint: Gemeinschaft!

Am nächsten Tag sehen wir uns zur Vernissage unter dem Dach der Schule wieder: in der Aula, die, wie wir nun wissen, die ehemalige Kantine der Fabrik ist. Während draußen die Temperaturen auf unerträgliche 38 Grad angestiegen sind, ist es drinnen nur die Spannung, die den Raum erhitzt, ansonsten ist es hier oben wider Erwarten kühl. Trotzdem sind alle dankbar, dass die Reden von Bürgermeister, Schul- und Projektleitung so knapp wie kurzweilig ausfallen. Ein Jahr lang wurde nach Kräften gelindert, dabei musste auch manche Durststrecke überwunden werden, aber das Durchhalten hat sich mehr als gelohnt: alle sind stolz auf das Gelingen dieses Denkmalrojektes, vor allem die Schülerinnen und Schüler! Ich sehe es in ihren glänzenden Augen und hoffe, dass das Erlebte eine lebendige Spur in ihrer Erinnerung an die Schulzeit hinterlässt.

Eggolsheim, FOS, alle am Projekt Beteiligten 2026 © Archiv FOS Eggolsheim

Genauso unvergesslich wie das, was dann am Wochenende in der Ausstellung passiert: Trotz der Hitze kommen viele vorbei, aus den umliegenden Dörfern und Ortschaften: Eggolsheim, Forchheim, Bamberg, Nürnberg, vorwiegend ältere Menschen. Zögernd treten sie ein, sehen sich neugierig um, betrachten die Werke der jungen Menschen mit leichtem Erstaunen. Es liegt auf der Hand, diese Besucher sind keine stolzen Großeltern, sondern waschechte Lindnerianer! Allesamt Zeitzeugen, Neffen, Nichten oder Kinder ehemaliger Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Tatsächlich sind es die Zeitzeugen, die auf ganz unerwartete Weise unserem Denkmaljahr Beine gemacht hatten: Ein Besuch beim Bürgermeister, eine Plauderei im Café Am Lindner, ein Aufruf im Gemeindebrief und plötzlich bekam das Projekt wahre Gesichter und echte Stimmen. Vor allem war es ein Zeitzeuge aus der Mitte der Familie Lindner, der als ehemaliger Gesellschafter und Geschäftsführer das Unternehmen besser kennt als seine Hosentasche, schließlich stromerte er schon als Junge über das Fabrikgelände. Seine Kenntnisse zur Porzellanfertigung helfen uns, die einzelnen Schritte der Produktion zu verstehen, denn das Wissen ist mit dem Auftauchen der neuen Kunststoffe längst verschwunden. Kurzum: unsere Kenntnisse zum Fabrikgebäude, zur Produktion und zu den Menschen, die dort gearbeitet haben, sind während des Projektjahres von Woche zu Woche gewachsen und bekamen durch die Zeitzeugenberichte eine faszinierende Lebendigkeit! Wir haben Spuren gesucht und Menschen gefunden, stellte Heike Preier eines Tages lachend fest.

Und nun strömen sie an diesem viel zu heißen Wochenende in die Ausstellung, sind plötzlich mitten unter uns, die Lindnerianer und Lindnerianerinnen – auf der Suche nach einer verlorenen Zeit, der ganz offenbar etwas Besonderes anhaftete. Meistens kommen sie zuerst über einem Herzstück der Ausstellung, das ist das maßstabsgerechte Papiermodell der alten Fabrik, ins Gespräch. Und zeigen uns, in welchem Teil des Gebäudes sie was gearbeitet haben. Tatsächlich ist das Modell auch ein kleines Bravourstück: Man sieht ihm an, dass viele Hände reichlich Geduld und Zeit aufgebracht haben, um es herzustellen: wenn ich allein an die 329 Fenster denke, die hineingeschnitten worden sind und selbst an den Sprossen wurde nicht gespart, nur getrickst. Großartig!

Eggolsheim, Papiermodell der Lindner-Fabrik 2026 © Heike Preier

Und schließlich führt die Ausstellung in den letzten Raum. Dort haben wir eine Lindner-Ecke eingerichtet, in den Pastelltönen der 50er Jahre. Hier sitzt Wilhelm Wagenfeld als „Pappkamerad“ mit am Tisch, während der Firmengründer, Kommerzienrat Kurt Lindner Senior, aus der Ferne den Gesprächen der ehemaligen Mitarbeiter lauscht. Hier erfahren wir manche Anekdote und wie es war in dieser Fabrik zu arbeiten, die man auch die Flüchtlingsfabrik nannte, die eine Hausfrauenschicht ab dem Nachmittag anbot, und am Ende eines Jahres rauschende Weihnachtsfeste veranstaltete. Ob in der Verwaltung oder im Vertrieb, an der Pforte, in der Küche, in der Montage, in der Herstellung, man ist sich rundweg einig: die Lindner-Gemeinschaft war etwas Besonderes, fast wie eine große Familie. Eine ehemalige Mitarbeiterin lässt sich dazu hinreißen und ruft: Meine beste Zeit war Lindner! Die anderen nicken zustimmend und für einen Moment scheint es, als ob ein kleines Lächeln über das ernste Gesicht des Kommerzienrats huscht.

Eggolsheim, FOS, Lindner-Ecke 2026 © Anna Albrecht

Unser Denkmalprojekt hat Gegenwart und Vergangenheit mit unserem Alltag verknüpft, Spuren der Vergangenheit sichtbar gemacht und Gemeinschaft befördert. Niemals hätte ich vor einem Jahr daran geglaubt, dass dieses Projekt so viel Fahrt aufnehmen würde. Als ich zum ersten Mal vor dem modernisierten Gebäude stand, kaum die Spuren einer alten Fabrik entdecken konnte und auch nur eine vage Vorstellung davon hatte, was Elektroporzellan ist, befürchtete ich insgeheim, dass uns der Denkmalstoff im Laufe des Jahres vielleicht ausgehen könnte. Das Gegenteil ist der Fall: Es war ein großartiges Jahr, das ich begleiten durfte und das nun erstmal zu Ende geht. Ein Jahr, in dem ich als Kunsthistorikerin, Wissenschaftlerin, Vermittlerin, Zuhörerin und Autorin unterwegs war. Ein Jahr, in dem ich viele neue Menschen kennenlernen durfte. Ein Jahr, in dem ich erlebt habe, wie ein Denkmal zum Leben erwacht und Zukunft schreibt – allein durch die Kraft seiner Präsenz. Ein Jahr, in dem wir gemerkt haben, dass wir noch ganz am Anfang unserer Reise in die Vergangenheit stehen. Und umso schöner ist es, dass kurz vor der Vernissage die Zusage für ein weiteres Denkmaljahr im Postkasten liegt. Nun heißt es, die Spuren, die wir gefunden haben, für die Zukunft zu sichern. Wer mehr darüber wissen will: Am Tag des Offenen Denkmals, am Sonntag, den 13. September 2026, öffnet sich der Vorhang in die Vergangenheit noch einmal, wenn es in der FOS Eggolsheim direkt am Bahngleis gegenüber wieder heißt: Spurensuche Lindner – altes Industriedenkmal im modernen Schulalltag!

Wir freuen uns auf den Tag des Offenen Denkmals am 13. September 2026! © Elisabeth Albrecht

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